Lange vorbei scheinen die Zeiten, als ein Patient brav zu „seinem“ Hausarzt ging und sich der Diagnose blind anvertraute. Das Internet mit seinen zahllosen medizinischen Auskunftsseiten rüttelt am Podest ärztlicher Weisheit. Es gibt keine noch so exotische Krankheit, die sich nicht ergoogeln ließe. Aber ist dem Kranken damit wirklich gedient?Wissen macht mündig
Das Positive vorweg: Der Patient von heute ist zweifellos mündiger denn je - und das ist gut so. Bestimmt ist es vernünftig, Ärzten dezent auf die Finger zu schauen. Denn schließlich kennt der Patient seine Symptome selbst am besten - und die vielfach üblichen Fünf-Sekunden-Diagnose bergen eine durchaus reale Irrtumswahrscheinlichkeit. Dabei drohen meist keine spektakulären Kunstfehler, aber wer dank vernünftiger Selbstmedikation einen Infekt mit Hausmitteln auskurieren kann, statt mit Antibiotika, der sollte diese Chance nutzen.
Viele Websites, die sich den populären Themen Krankheit und Gesundheit widmen, präsentieren fundiertes Expertenwissen. Auf den gut gemachten Seiten werden Krankheitsbild, medizinischer Hintergrund und Behandlungsoptionen allgemeinverständlich aufbereitet. Vieles lohnt sich zu lesen, auch wenn man gerade ganz gesund ist.
Mehr hilft weniger
Als Schattenseite der informativen Selbstbestimmung drohen Orientierungsverluste. Die Gründe liegen vor allem in der Informationsvielfalt, die das Netz bietet. Wer die Recherche mit einer selbst gestellten Hypothese startet, findet oft genug gleich ein ganzes Bündel von Krankheiten, die auf die eigenen Symptome bestens zu passen scheinen. In diesem Selbstbedienungsladen möglicher Diagnosen bleibt der Kranke sich selbst überlassen.
Richtig heikel wird die Lage, wenn die Recherche in ein Forum führt, in dem medizinische Laien unreguliert über ihre Krankheiten fabulieren. Besonders hypochondrisch veranlagte Naturen geraten hier schnell in Gefahr und versteifen sich auf eine irrige Selbstwahrnehmung. Und bekanntermaßen kann eine eingebildete Krankheit genauso verheerend wüten wie eine „reale“. Aber auch mit den Websites selbst erklärter Heiler ist kaum zu Spaßen. Beispielsweise bei der Krebsbehandlung können gut gemeinte, aber fahrlässige Ratschläge sogar tödliche Konsequenzen haben.
Der Königsweg ist wohl, die Freiheit des Netzes mit ärztlicher Kompetenz zu kombinieren: Genau hinsehen, welche „Experten“ für die Texterstellung verantwortlich zeichnen - und mit diesem Wissen im Hintergrund dann den Arzt des Vertrauens aufsuchen.