Es ist paradox: Einerseits steckt die Wirtschaft Millionen in die Entwicklung wohlklingender Produkte. Andererseits gibt die öffentliche Hand viel (Steuer-)Geld für die Minderung von Lärm aus. Schutzwände zieren allerorten Autobahnen, Bahntrassen und Flugplätze.
Die akustische Umweltverschmutzung veranlasst die Menschen, Krach auszublenden, Geräusche zu überhören, wegzuhören, meint die Zuhörforscherin Margarete Imhof.
Dabei wäre das Gegenteil angebracht: genau hinzuhören, Geräusche zu differenzieren, die klangliche Umwelt bewusst wahrzunehmen.Hören ist eine der ersten Sinneswahrnehmungen, die der Mensch – noch als Embryo im Mutterleib – erfährt. Hören kann man nicht dimmen oder abstellen, wie etwa das Sehen durch Abwenden des Blicks oder Schließen der Augenlider. Das Ohr nimmt akustische Umweltreize permanent entgegen. Für alles Weitere ist das Gehirn zuständig.
Zwischen der bloßen Sinneswahrnehmung – dem Hören – und der Auswertung der akustischen Reize durch das Gehirn – dem Zuhören – wird landläufig kaum unterschieden.
Zuhören können ist eine soziale Fähigkeit
Zuhören, das verstehende, sinnerschließende Hören ist Teil einer alten, traditionsreichen Kulturtechnik: dem Erzählen, der mündlichen Weitergabe von Erfahrung, Wissen und Tradition von den Alten an die Jungen, so wie es unsere Vorfahren über viele Generationen hinweg handhabten.
Es liegt vor allem an der massiven Verbreitung der elektronischen Medien, dass das innerfamiliäre Erzählen seine Bedeutung immer weiter verliert.
War Zuhören früher eine Fähigkeit, die Kinder beim Erzählen oder Vorlesen von Eltern oder Großeltern quasi nebenher erworben haben, finden heutzutage in vielen Elternhäusern kaum mehr nennenswerte Gespräche statt, was eine jüngst veröffentlichte UNICEF-Studie belegt.
Von der Schule wird die Fähigkeit des Zuhörens als gegeben angenommen, als Bringschuld der Schüler vorausgesetzt. Obwohl die Konzepte der Wissensvermittlung maßgeblich auf die Fähigkeit des Zuhörens aufbauen, haben die Schulen diesem Mangel meist wenig entgegenzusetzen. – Doch Zuhören will gelernt sein.
Literatur zum Hören
Die in den vergangenen Jahren stetig zunehmende Popularität des Hörbuchs wird gemeinhin als Reaktion auf die Bilderflut audiovisueller Medien gedeutet.
Was aber macht die Faszination dieses „neuen“ Mediums aus? Der Schriftsteller und Radioerzähler Horst Krüger meinte zur Wirkung gesprochenen Textes: „Das Mikrofon ist wie ein Brennglas, das Strahlen bündelt. Ein geschriebener Text entfaltet da plötzlich ganz neue Dimensionen, die auf dem Papier nicht zum Ausdruck kommen: Authentizität und Identität werden hörbar. Eine Fülle zusätzlicher Informationen fließt durch die Stimme ein. Unterschwellige Emotionalität wird mittransportiert.“
Stimme ist Persönlichkeit
Ein Stück weit ist diese Wirkung auf die Stimme zurückzuführen. Jede Stimme ist einzigartig und macht einen Teil der Identität eines Individuums aus. Natürlich ist nicht jede Stimme für das Sprechen eines literarischen Textes geeignet. Beim Erzählen aber – zumal von selbst Erlebtem – entfaltet quasi jede Stimme die von Horst Krüger beschriebene Wirkung.
Genau diese Erfahrung konnte ich als Mediendokumentar auch machen. Daraus entwickelte sich bei mir der Wunsch, Menschen beim Entstehen ihrer Audio-Biografie zu unterstützen. Mit eigener Stimme können sie so neben wichtigen Lebensdaten, spannenden Anekdoten und tiefgründigen Lebensweisheiten einen bedeutenden Teil ihrer Persönlichkeit – die Stimme – festhalten.
Um ein „Gedächtnis“ des Vereins zu begründen, produziere ich zudem mit der Hörbuch-Reihe „ZeitZeugnisse“ für die ZeitZeugenBörse autobiografische Selbstzeugnisse, die Erlebnisse und Erfahrungen direkt vermitteln.
Olaf Freier, Historiker und Mediendokumentar
www.Audio-Biografie.net