 Aktuelle Kategorie: (104)
|
Artikel » Sport Im Rampenlicht - aber wie ? | Es ist kurz nach halb zwölf als Barry Bonds, ein Spieler der San Francisco 49ers sich erneut von der Bank erhebt um den Rasen „AT&T Parks“ (so der Name des Stadions) zu betreten und erneut neben den kleinen ledernen Ball zu schlagen, den der Pitcher mit einer unglaublichen Wurf-Geschwindigkeit neben ihn platziert hatte - neben mir fallen meinem Freund die Augen zu. Seit gut 3 Stunden sitzen wir jetzt in dieser Arena und bis jetzt hatten wir noch keinen Home-run gesehen und auch keinen uns von den Plastiksitzen reißenden so genannten hit eines Spielers. Ein Fernsehkommentator würde wohl von einem vor sich hin plätscherndem Spiel sprechen und würde dabei wohl immer noch lügen müssen, denn es war bis hierhin für den objektiven Betrachter schlichtweg langweilig gewesen. Als Barry Bonds den frenetischen Jubel und stürmischen Applaus, den ihm die Fans mit auf den Weg zu seinen nächsten Schwüngen gaben, wieder einmal nicht rechtfertigen konnte, machte ich mir doch ein paar Gedanken zu diesem inszenierten Spektakel, das heute Abend wieder tausende Zuschauer verfolgten. Warum ist Baseball neben Basketball, Eishockey und Football der beliebteste Sport der Amerikaner und warum verdient ein Mann, wie Bonds, der an diesem Abend nicht mehr als eine unauffällige Lichtgestalt gewesen war mehrere Millionen Dollar in einem Jahr? Wie konnte aus diesem sicherlich sonst interessanten und mitreißenden Spiel ein den „Nicht-Fan“ langweilendes werden? Ich will mich bei der Beantwortung dieser und weiterer Fragen auf die Rolle der Medien konzentrieren, denn ich glaube diese sind es die ausschlaggebend für die Veränderung eines Sportes sein können. Es gibt diverse Sportarten, die in den Medien jeden Tag präsent sind seien es die Angegebenen in den USA oder Fussball und Tennis in Deutschland und es gibt zahlreiche, die dagegen unbeachtet bleiben. Die, die es geschafft haben und von denen täglich berichtet wird, haben sich durch den Einfluss der Medien definitiv verändert. Nehmen wir das anfängliche Beispiel wieder auf – Baseball. Schon seit langem steht der Sport in den Staaten im Rampenlicht, doch über die Jahre hinweg hat ein Prozess stattgefunden, der den Sport wandelte. In den frühen Jahren des Baseball ging es wie bei jeder Sportart einzig um den Sieg und den darauf folgenden Rum, der durch Teamgeist, Ehrgeiz und Motivation errungen werden konnte. Doch heute zählt der Sieg allein nicht mehr. Heute zählen Einschaltquoten, Marketing, Sponsoren, die Show und das Image. Nehmen wir das Match der San Francisco 49ers gegen Washington. An diesem Abend erwartet der übertragende Sportsender ein spannendes Spiel, das die Amerikaner vor ihrem Fernseher fesselt. Der Sponsor erwartet, dass ihn die Mannschaft, die er finanziell unterstützt erfolgreich repräsentiert und In der Vip-Loge der Verantwortlichen hofft man, dass die Stars, die sie für abnormale Summen engagiert haben, den Zuschauern eine gute Show liefern und Eindruck hinterlassen. Natürlich ist wiederum viel Geld im Spiel. Geld, das die Medien und Sponsoren zur Verfügung stellen, damit der Verein seine Spieler auf das Gehaltsniveau einiger Bankenchefs bringen und dem Publikum neue Megastars bieten kann. Ich will nicht behaupten, dass der Medieneinfluss den Sport an sich zum totalen Erlahmen bringt, natürlich bringt die Medienpräsenz auch sehr viele Vorteile mit sich ohne Zweifel, doch nimmt sie ihm sicherlich den ursprünglich unbeschwerten, reinen Charakter, macht ihn zum Spektakel und zur Plattform des Kommerzes. Wichtiger als das Spiel ist inzwischen die Show und der Rummel drum herum, ist der potentielle Profit, sind die Helden, die von den Medien geformt werden, mit denen sich der Sport personifiziert und die Begeisterung auslösen – siehe Jordan, Gretzky, Agassi, die Williams Schwestern, Beckham und Bonds, die sich alle mehrfache Millionäre nennen können und während sowie nach ihrer Laufbahn Ikonen ihrer Sportarten, Vereine, Sponsoren und Fans sind und bleiben. Nun hegt sicherlich jede Sportart, die derzeit im Schatten der Großen steht, den Wunsch von Fernsehsendern und Magazinen präsentiert zu werden, doch müsste man sich dafür wohl zunächst zwei Fragen stellen 1. Wie steigt die beliebige Sportart in die erste Liga der Medienpräsenz auf? 2. Wie gehe ich mit folgender um?Für die gewünschte „Medientauglichkeit“ ist zunächst grundlegendes von Nöten: - Ehrgeiz, Standhaftigkeit, Geschick - Eine gewisse Basis an aktiven Erwachsenen und Jugendlichen - Eine klar geordnete Verbandsstruktur - Ein sauberes und rundum positives Image - Vorhandenes „Medienpotential“ (Geschwindigkeit, Ästhetik, Spannung) - (Potentielle Helden) Und leider auch immer sehr viel Glück. Es gibt ein Beispiel aus der letzten Zeit, dass man mit diesen Vorraussetzungen einen hohen Level an Medienzuspruch durchaus erreichen kann. Dieses Beispiel ist die Sportart Handball. Zwar befindet diese sich noch lange nicht auf dem Niveau der ganz Großen, doch Handball hat in den letzten Jahren eine erstaunliche Entwicklung genommen. Von einem Sport, der noch vor gar nicht allzu langer Zeit ähnlich wie Rugby oder Feldhockey in Deutschland ein Schattendasein fristete, brachte er es mit unglaublicher Zielstrebigkeit zu einem, der heute die Leute an den Fernseher fesselt und der es geschafft hat die Begeisterung für den Sport, die durch große Events und Erfolge der Nationalmannschaft (siehe Weltmeisterschaften und Europameisterschaften) ausgelöst wurde, auf einem gewissen Pegelstand zu halten, sodass er auf lange Sicht sehr davon profitierte. Und auch auf die zweite Frage gibt Handball bisher die passende Antwort. Denn man ist nicht auf die große, beeindruckende Show aus, man überzeugt und fesselt durch die Leistungen auf dem Parket und nicht vor den Kameras. Natürlich ist dies vor allem auch darauf zurückzuführen, dass Handball noch nicht sehr lange im Rhythmus des Mediengeschäfts integriert ist, doch der Ansatz ist auf jeden Fall der Richtige. Der Star ist und bleibt die Mannschaft und die wenigen schillernden Persönlichkeiten dieser Sportart, haben dieses „Motto“ so wie jeder Spieler verinnerlicht, lassen sich weiterhin problemlos in das enge Mannschaftsgefüge eingliedern und ordnen sich dem Team unter, anstatt ihre eigene Show abzuziehen. Meiner Meinung nach ist dieser simple und pure Charakter das große Plus dieser Sportart, denn sie hat es bislang verstanden ihre Attraktivität durch die Wahrung ihrer eigentlichen Werte und Ziele – auch im verlockend glitzernden Scheinwerferlicht der Medien – zu wahren. Leider gibt es neben dem Aufstieg auch den Abstieg und auch hierfür kann man ein ganz aktuelles Thema heranziehen – den Radsport. Hier zeigt sich meiner Meinung nach in fatalem Ausmaß die negative Seite zu hohen Medieneinflusses und –drucks. Natürlich kann meine folgende These nicht zutreffend sein oder schlichtweg falsch doch vielleicht kann sie wenigstens einen Bruchteil der Frage beantworten, warum sich dieser Sport nun im freien Fall befindet, dessen bisheriger Tiefpunkt medientechnisch gesehen wohl gerade jetzt erreicht worden ist, da ARD und ZDF in Folge der diversen Dopinggeständnisse , -Verfahren –Anschuldigungen und letztendlich der positiven Dopingprobe bei Patrik Sinkewitz die diesjährige Tour de France boykottieren und nicht mehr wie üblich übertragen. In seinen frühesten Anfängen war der Radsport sicherlich noch ein sauberer, ehrlicher Sport, bei dem es hauptsächlich auf die durch Siege zu erlangende Ehre ging. Doch sobald zum ersten Mal in Zeitungen, die vielleicht sogar national publiziert wurden, über die tapferen Männer, die auf den Sätteln ihrer Fahrräder mehr als zwei hundert Kilometer am Tag zurücklegten und dabei oft steile Rampen oder Abschnitte von mörderischem Kopfsteinpflaster überwanden, berichtet wurde und den Siegern der Rennen besonderes Lob zu Teil wurde, da änderte sich dieser Sport auf katastrophale Weise, denn die Aussicht auf nationalen, ja vielleicht sogar internationalen Ruhm und möglicherweise zu verdienendes Geld beflügelte die Rennfahrer nicht nur in ihrer Motivation sondern auch in ihrer betrügerischen Kreativität und so kamen sie auf Doping. Selbst wenn bis heute immer noch nur kleine Bruchteile dieses Jahrzehnte langen Vergehen bekannt sind, so lässt sich doch erahnen wie groß das Dilemma dieses Sports ist. Damals wollten die Medien es nicht bei den wenigen Rampen und Kopfsteinpflasterpassagen belassen, nein sie wollten ein richtiges, ein pompöses Spektakel und damit die Gunst der Zuschauer gewinnen. Wenn man sich in der heutigen Zeit einmal das Profil einer Alpen Etappe der Tour de France anschaut fragt man sich wie der „normale“ Sportler auch nur einen dieser Pässe mit gewisser Geschwindigkeit bewältigen soll und obwohl die Profis natürlich jeden Tag auf dem Rad sitzen kann man es sich trotzdem schwer vorstellen, dass sie eine solche Etappe über mehrere steile Pässe und Rampen in gut 6-8 Stunden zurücklegen können. Und mit Sicherheit kann sich dabei ein ambitionierter Fahrer, der womöglich zum Helden der Tour und des Sports aufsteigen will nicht allein auf seine Ausdauer und Oberschenkel verlassen, er muss sich „Hilfe“ beschaffen, um seine Konkurrenten in Schach halten zu können und dem inszenierten „Etappen-Spektakel“ (z.B. den zahlreichen Anstiegen und Bergankünften) in 21-facher mal intensiverer mal einfacherer Ausführung stand halten zu können. Ist es nicht rätselhaft, dass gut die Hälfte der Radprofis an Asthma leidet und deshalb ein bestimmtes Medikament verwenden dürfen? Ist es nicht so, dass verschiedene Sieger der drei großen Landesrundfahrten (Basso, Landis, Heras) des Dopings überführt wurden? Legen nicht immer mehr ehemalige und aktive Radprofis wie Henn, Riis, Aldag, Zabel, Jaksche umfassende Dopinggeständnisse ab? Ich denke die Antworten müssten doch jedem leicht fallen. So sieht also wahrscheinlich die Schattenseite des Medieneinflusses, des Spektakels, der ganzen Show aus – Skandale treten ans Licht, Sponsoren springen ab, das Interesse der Zuschauer verlischt. Der Sport droht seiner Glaubwürdigkeit zu folgen und in einem tiefen Sumpf zu versinken. Ich möchte auf keinen Fall irgendetwas schlecht reden oder anprangern, ich möchte lediglich darauf hinweisen, dass der Medieneinfluss auf eine Sportart diese mit Sicherheit verändert und dies nicht nur zum Positiven hin und meistens auf Kosten der Zuschauer. Mittlerweile sind in England bereits Fan-Gruppen zu finden, die sich lieber die Spiele des Reserveteams „ihrer“ Mannschaft ansehen, da sie es Leid sind unglaubliche, für den eigentlichen „Fan“ aus der einfachen Arbeiterschicht kaum zu bezahlende, Preise zu zahlen, um sich vielleicht dann neben einem Öl-Multi wieder zu finden, der mit dem Gedanken spielt den Verein schlichtweg zu kaufen und seinem Bruder zum Geburtstag zu schenken. Vielleicht ist dies ja eine Möglichkeit die Diskussion um den Sport aus dem Dilemma Schattendasein oder Medien-Hype herauszuführen. Ein paar Tage nach dem Besuch des „AT&T Parks“ saß ich beim Frühstück und Schlug den Sportteil der San-Francisco Chronicle auf dessen „Top-Story“ ich entnehmen konnte, dass die Symbolfigur des amerikanischen Baseballs, der Star und Stolz der San Francisco 49ers - Barry Bonds - aufgrund zahlreicher Indizien des Dopings beschuldihgt wurde. Moritz Müller-Schwefe Juli 2007
| | | 18.08.2007 21:10:31 von |
Fügen Sie diesen Artikel Ihren Social Bookmarks hinzu:
Verlinken Sie diesen Artikel auf Ihrer Website: Informationen über den Autor dieses Artikels:
 |
| Es werden bis auf Weiteres keine neuen Artikel aufgenommen! |
|
|
|